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Perspektiven der Großstadt

Ich starte den Tag mit einer Schallplatte. Die Nadel fällt auf das schwarze Vinyl. Nach einem kurzen Knacken erklingt der erste Ton. Dann gehe ich in die Küche, brühe mir einen frischen Kaffee. Als er dampfend vor mir steht gebe ich etwas Milch hinein. Vor mir entdecke ich vier kleine Karten mit kurzen Geschichten, ich fange an zu lesen…



Episode 1

Halbschatten

Ein Klingelton geht drei mal kurz an und aus, damit die Kunden wissen, dass das Kaufhaus in wenigen Minuten schließt. Ich beeile mich, ein Stück Seife zu bezahlen. Über zwei Stunden habe ich in dem Geschäft verbracht, ohne etwas zu kaufen. An der Kasse steht ein kleiner Junge vor mir in der Schlange. Er hat den Kopf unter der halblangen Jacke seines Vaters versteckt. Die neue Seife trage ich in einer Plastiktüte davon. Draußen auf der Straße treffe ich eine Freundin, die sich gerade eine Perücke gekauft hat und sich nicht traut, sie aufzusetzen. Jetzt im Dunkeln wird jeder denken, dass du eine Mütze trägst, sage ich, es fehlen nur noch die passenden Handschuhe. Als die Ampel auf grün schaltet, überqueren wir die Fahrbahn; die weißen Streifen auf dem Asphalt schimmern orange. Meine Freundin setzt ihre Perücke auf und betrachtet sich im geschwärzten Glas einer Bushaltestelle. Ich erinnere mich an einen Film, von dem ich das Ende nicht kenne. Er spielt in der Zukunft, und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht, nur Dämmerlicht und eine matte künstliche Beleuchtung.

 

 

 

Episode 2

Spürsinn

Ich warte bis halb zwölf, bevor ich den Hund ausführe. Die Straße, in der er wohnt, ist nicht sehr weit entfernt. Der Tag ist so hell. Wir sind beide geblendet. Ich setze meine Sonnenbrille auf. Die Männer von der Bäckerei schauen uns an. Ich würde gerne im Park spazieren gehen, bevor ich den Hund wieder zurückbringe, doch er zieht mich in eine andere Richtung. Mit Worten kann ich ihn nicht überzeugen, also folge ich ihm. Er scheint genau zu wissen, wohin er will. Wir umkreisen einen Stromkasten, bleiben an einem Gully stehen und laufen von der Häuserwand zur Bordsteinkante und wieder zurück. An einem Laternenmast ragen Kabel aus einer offenen Klappe. Der Hund schnuppert daran, und ich versuche, ihn wegzuziehen. Mit aller Kraft zerre ich an der Leine und binde ihn schließlich an einem anderen Laternenmast fest. Gegenüber an der Ecke ist ein Imbiss. Ich kaufe eine Wurst und füttere den Hund, Stück für Stück. Ich würde sie auf gar keinen Fall mit ihm teilen. Als ich meine Sonnenbrille abnehme, sieht der Hund mich auf einmal freundlich an. Ich binde ihn los. Langsam und ohne Umschweife spazieren wir die Straße entlang.

 

 

 

Episode 3

Schlaflos

Eine Weile liege ich da und denke darüber nach, ob ich etwas fürs Frühstück im Kühlschrank habe. Ich stehe auf und gehe im Dunkeln zu Tisch, ertaste die Wasserflasche, trinke sie fast leer. Durch einen Spalt zwischen den Vorhängen fällt Licht durchs Fenster. Das Licht verstärkt die Konturen. Im Halbdunkel wirkt der Raum viel größer. Der Koffer steht noch halb ausgepackt auf dem Boden, Pullover, Hosen und Hemden sind überall verstreut. Ich kehre zurück ins Bett und schlafe wieder ein. Unten auf der Straße höre ich laute Stimmen, die in einer fremden Sprache streiten. Ein Mann pfeift eine Melodie. Es klingt so klar und deutlich, als ob er direkt neben mir am Bett steht. Jetzt bin ich ganz wach und sehe, dass außer mir niemand im Zimmer ist. Ich schiebe den Vorhang zur Seite und schaue hinaus. Draußen auf der Straße gehen zwei Männer in blauen Jacken sehr langsam in Richtung U-Bahn. Ich konzentriere mich auf den Augenblick, in dem die Straßenlampen ausgeschaltet werden. Doch ein kleiner wießer Farbfleck auf meiner grauen Fensterbank lenkt mich davon ab.

 

 

 

Episode 4

Ausdehnung

Ich laufe bis zur Kreuzung und warte auf ein Taxi. Es dämmert, die Luft ist warm. Nur wenige Autos fahren langsam vorbei. Meine Augen versuchen, sich an die unbestimmte Helligkeit zu gewöhnen. Straßenbahnschienen, abgerundete Häuserecken, der Rest einer Baustelle, Waschmaschinen in einem Schaufenster auf der anderen Straßenseite, ein paar Leute, die warten. Ein Taxi hält, ich steige ein und nenne dem Fahrer meine Adresse. Musik läuft im Radio, und ich kurble das Fenster ein Stück runter. Wir fahren nicht sehr schnell. Die Straßen werden breiter, vor uns liegt ein großer Platz umsäumt von blauen Hochhäusern mit roter Leuchtreklame. Menschen mit großen karierten Taschen stehen auf einem Busbahnhof, sie rauchen. Das Licht kommt von überall. Ich denke nicht darüber nach, und trotzdem nehme ich alles wahr. Vielleicht ist der Himmel orange, vielleicht sind es die Lampen oder die aufgehende Sonne, die sich im Fensterglas spiegelt. Ich fahre nach Hause und freue mich über einen Tag, den ich verschlafen werde.

 


 

Texte: Claudia Basrawi.

 Aus dem Quartettspiel „Stadtbeleuchtung„.

Musik: Vangelis – The City

Cover: Vangelis – The City LP

stadttexte

 

 

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Published on: 10/08/2016

Filed Under: Poesie

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