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Plädoyer für das Un-Persönliche

Lerne unpersönlich zu denken. Die Freiheit flutet das Sein, sobald die Gedanken von der Persönlichkeit abgezogen werden. Nicht mehr von Sieg und Niederlage träumen, sich nicht mehr intellektuell suchen. Ja es ist sogar noch wundervoller als wir ahnen, denn es gibt so etwas wie Persönlichkeit gar nicht! Es ist ein Kartenhaus des Denkens.

Natürlich, wird manch einer einwenden, sind wir alle unterschiedlich. Natürlich bin ich etwas besonderes und von dir verschieden. Doch sieh – mindestens in dem gleichen Maße bist du mir auch ähnlich. Es ist in etwa so, als ob das Wasser zum Eis sagt „Schau, wir sind grundverschieden, ich bin flüssig, du bist fest.“ Natürlich stimmt das, aber diese Denkweise ist beschreibt nur eine austauschbare Situation. Sie sieht im Oberflächlichen das Tiefe. Ebenso mit uns Menschen – natürlich sind wir alle verschieden. Doch wir sind alle Variationen des gleichen, namenlosen. Indem wir das vergessen machen wir uns erst zu etwas Besonderem. Im Besonderen hakt sich der Selbstzweifel ein, ob in der Erhöhung oder Erniedrigung. Welche Schönheit könnte das Wasser im Eise sehen, wenn es sich selbst darin wiedererkennt. Wenn es im anderen die eigene Erfahrung expandiert, ohne sich davon grundlegend zu separieren.

Zwischenmenschlich nennen wir diesen Vorgang „Verständnis“. Im Verständnis drückt sich etwas aus, ein wiedererkennen im anderen, welches das Persönliche transzendiert. Das Besondere wird aufgehoben : „Ich verstehe dich, denn in deiner Situation würde es mir exakt genauso gehen“. Zwar sind wir alle in unterschiedlichen Dynamiken verstrickt, doch die Gesetzmäßigkeiten der Seele sind die gleichen. Wir dürsten nach Veständnis, aber haben Angst unsere Besonderheit zu verlieren. Ist das nicht paradox?

Die „wahre“ Besonderheit ist jedoch die Individualität. Diese ist unteilbar, also auch nicht in eine Persönlichkeit zu komprimieren. Sie ist alles. Du bist alles. Wir sind alles – potenziell. Individualität ist nicht „denkbar“, nur erfahrbar.

Die Empathie ist das Sprungbrett in die Freiheit außerhalb der Gedanken, das Erkennen der ganzheitlichen Verbundenheit führt zwangsläufig zum Einbruch einer isolierten Persönlichkeit mit ihren Neurosen. Und das ist, entgegen aller Ängste des Denkens, das schönste was dir in diesem Augenblick geschehen kann: Das unpersönliche an dir erkennen bedeutet, alle Zweifel an deiner Biographie loszulassen. Besser gesagt: Die Biographie sich entfalten zu lassen ohne sich darin zu suchen. Das Leben wird zu einer Reise, zu einem Staunen, wenn wir lernen unpersönlich zu denken.

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Published on: 13/04/2016

Filed Under: Inspiration, Philosophie, Poesie, Psychologie

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