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Second Tier Thinking: Die Weisheit des Scheiterns

Wir leben in einer Kultur, die das Scheitern mit Schuldgefühlen verbindet und differenzieren oft nicht zwischen – jemand ist gescheitert und jemand ist ein Versager. Wie geht ein Second Tier Denker mit dem Scheitern um und welche Weisheit liegt im Scheitern?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen First Tier und Second Tier liegt in der Art, wie ich meine Existenz wahrnehme. Nehme ich sie als wesenhaften Kern war, so bin ich ziemlich wahrscheinlich im  First Tier Denken und im Essenzialismus. Im Second Tier erfahre ich meine Existenz als fluides Abenteuer. In dieser existenzialistischen Sicht prägen die Taten das Bild unserer Selbst und Misserfolg und Erfolg sagen nichts über die Essenz meines Daseins, meinen Wert aus – die Ereignisse katapultieren mich hinein in das Abenteuer meiner Existenz. Es geht nicht um den eigenen Wert, sondern um die Frage – welche Tür in die Zukunft öffnet sich. Deshalb ist ein Second Tier Thinker auch deutlich autonomer, kann Gruppendynamiken verlassen, dem Konsens widersprechen und das Alleinsein mehr als zuvor als fruchtbaren Quell von Selbstkonfrontation erleben.

 

Die Weisheit des Scheiterns

Im Scheitern liegen im wesentlichen zwei Botschaften verborgen: Zunächst die Aufforderung den Widerständen zu trotzen, seinen Weg weiterzugehen und sich nicht beirren zu lassen. Zum anderen die Botschaft innezuhalten, sich neu zu hinterfragen und die Erkenntnis erlangen, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige für einen ist.

Eine Niederlage kann ein existenzieller Erfolg sein, der einem vom Preis des Erfolgs befreit und einen Menschen um Vielschichtigkeit bereichert.

Während viele Menschen in Europa und  im First Tier den Misserfolg personalisieren und geschwächt aus einer solchen Erfahrung hervorgehen bedeutet Misserfolg im Second Tier ihn zunächst einmal zu akzeptieren, aber ihn nicht als persönliches Scheitern zu empfinden. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine Verleugnung, die den Misserfolg nicht anerkennt und andere schuldig spricht. Diese Verleugnung würde verhindern, dass wir die positive Seite des Scheiterns sehen. Es handelt sich bei der Weisheit des Scheiterns gerade um etwas, was Stoiker so ausdrücken würden:

Die Freiheit des Menschen beginnt dann, wenn er Ursachen akzeptiert, die außerhalb seiner Macht stehen.

Der Misserfolg ist ein Weg um Allmachtsphantasien zu begraben, das Scheitern lässt uns erkennen, dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen können.

 

Verantwortlichkeit

Der Psychoanalytiker Lacan geht davon aus, dass das Subjekt immer verantwortlich ist – auch wenn ihm das nicht immer bewusst ist. Die Realität wird sich uns immer widersetzen. Es wird immer etwas geben, womit wir zusammenstoßen. Verstehen wir Misserfolg demnach nicht falsch, wenn wir ihn als Tatsache begreifen, dass man ein Vorhaben nicht umsetzen konnte? Man könnte auch Fragen – liegt der Misserfolg nicht darin, dass man ihn als Scheitern empfindet?

Das Gefühl des Misserfolgs macht aus einem Fehler einen Misserfolg. Und gerade das ist ein Wendepunkt und eine enorme Befreiung im Second Tier. Im Gefühl des Misserfolgs erleben wir unsere Wahrheit stärker als im Freudentaumel des Erfolgs.

Das Subjekt trifft immer eine Wahl – auch wenn es ihm nicht bewusst ist. Im Laufe einer Psychoanalyse erfahren wir immer mehr über dieses Unbewusste . Durch den Widerstand der Realität erkennen wir das Unbewusste in uns. Scheitern ermöglicht uns also sich dem Unbewussten zu nähern. Ein Misserfolg auf der Ebene des Tagesbewusstseins und der Vorhaben ist auf der Ebene des Unbewussten gleichzeitig ein Erfolg. Wenn wir über das Scheitern sprechen und es – wie in Europa üblich – mit Schuld beladen, dann ist dies ein wesentlicher Aspekt der kollektiven Selbstzensur – das ganze Leben ist im Grunde genommen ein Scheitern, weil es für nichts eine Garantie gibt. Im zweiten Rang des Denkens wird diese Schuldhaftigkeit durchbrochen und neu – experimentell – erfahren.

 

Die positiven Seiten des Scheiterns

Im Existenzialismus sind die Taten wichtiger als das Wesen der Dinge. Wenn wir uns in letzter Konsequenz in Frage stellen geraten wir in eine endlose Spirale. So gesehen ist der Existenzialismus, ähnlich einer Psychotherapie ein Aufruf, das Hinterfragen zu unterbinden und ins Handeln zu gehen. Auf der anderen Seite – z.B. von Lacan vertreten-  liegt gerade im Hinterfragen und Anerkennen des Misserfolgs die Chance seine eingefahrenen Muster zu verändern und sich neu zu erfinden. Diese widersprüchlichen Positionen koexistieren im Second Tier und können verschmelzen – der Mensch kann sich selbst und sein Leben neu erfinden und zugleich seinen innersten Wünschen treu bleiben – in dieser Doppelbewegung liegt die Vereinigung des Existenzialismus von Sartre und des Lacanismus. Sich zu verändern und sich dabei selbst treu bleiben ist der Motor des gelben FlexFlow. Dabei dürfen wir nicht vergessen – auch der Erfolg kann uns von unserem Weg abbringen. Deshalb bedeutet Second Tier Denken, sich von dieser Erfolgsfixierung zu lösen. Der Misserfolg bringt uns zur Frage : Was will ich? Der Preis des Erfolgs ist oft genau das Gegenteil – dass wir das was wir eigentlich wollen aus den Augen verlieren.

Man darf also Misserfolg nicht als Demütigung, sondern als bereichernde Erfahrung sehen. In den USA begegnet man dem Misserfolg viel offener, jedoch auch oft mit einer überstürzten Zielstrebigkeit. Diese ist jedoch ebenfalls unangebracht, weil wir uns nicht die Zeit nehmen zu hören, was der Misserfolg uns sagen will – sie ist oft nur eine Version des First Tier Flachlands in einem anderen kulturellen Kontext. Wir sollten den Widerstand der Realität aushalten und uns auf unsere inneren wahren Bedürfnisse ausrichten.

Wir entwickeln uns weiter, weil wir lernen, besser zu scheitern.

Man kann dem Scheitern also auch mit einer gewissen Gelassenheit begegnen. Scheitern heisst, schon auf dem richtigen Weg zu sein. Das wichtigste ist nicht Erfolg zu haben und zu gewinnen, sondern sich auf den Weg der Fortschritte zu machen.

 

 

Weiterführende Literatur:

Die Schönheit des Scheiterns: Kleine Philosophie der Niederlage

 

Diese Kolumne wurde maßgeblich inspiriert von der Arte Philosophie Sendung „Die positive Seite des Misserfolgs“. Darin treten neben Raphaël Enthoven Charles Pépin, Autor eines im September 2016 in Frankreich zu diesem Thema erschienenen Buchs „Les vertus de l’échec“, und der Psychoanalytiker Laurent Dupont auf.

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