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Was unterscheidet Mythos und Narrativ?

Mythen und Narrative sind zwar ihrer Etymologie nach dasselbe, das „Erzählte“ (griech. mythomain; lat. narrare), in ihrer Konnotation aber unterscheiden sie sich. Diese Unterschiede betreffen nun weniger ihre eigentliche Natur als vielmehr unsere Rezeption.

Die zwölf Aufgaben des Herakles sind ein Mythos, der Big Bang ein Narrativ. Diese Zuordnung lässt sich nicht austauschen.

von Matthias Thiele

Mythos und Ritual

Die Beschäftigung mit einem Mythos ist immer auch Ritus, ist „heilige“ Handlung.

Beim Ritual werden Gegenstände und/oder Sinneseindrücke „irdischer“ Art auf eine bestimmte Art manipuliert, vorgetragen, gehört, rezipiert, emotional und kognitiv verarbeitet, indem ihnen eine Bedeutung aus der geistigen Ebene zugeteilt wird.

Indem also gegenständliche oder sinnliche Sachverhalte auf eine Weise angeordnet werden, deren Regeln aus einer geistigen und damit abstrakten Welt stammen, wird das Ritual zu einer Brücke zwischen der „diesseitigen“ oder realen und der „jenseitigen“ oder geistigen Welt. Mit dem Ritual treten Inhalte geistiger Natur in unsere Welt und werden hier wirksam. Grundlage eines jeden spirituellen oder religiösen Rituals ist der Mythos.

Der Mythos transportiert abstrakte Inhalte, Grundmuster menschlicher Erfahrungen, Schablonen kosmischer und menschlicher Gesetzmäßigkeiten, aber auch abstrakte Zielstellungen, die am ehesten als Ansporn zu verstehen sind, den Lichtspuren spiritueller Helden zu folgen. Der Mythos ist somit eine präzise Formel, wobei „präzise“ nicht „konkret“ meint. Die Präzision des Mythos lebt von seiner Abstraktion. Wäre er konkreter, verlöre er an Genauigkeit und Validität.

Somit ist konkrete Faktizität nicht Gegenstand eines Mythos. Jede Figur, jede Szene, jeder Name ist reine Metapher, ist Träger des eigentlichen Inhalts ohne selbst Inhalt zu sein, vergleichbar mit Termen aus komplexen mathematischen Formeln. Die Historizität eines Prometheus oder Herakles spielt für den Mythos keine Rolle. Sofern man Jesus Christus als Mythos versteht, erübrigen sich Fragen danach, ob und wenn ja, wann er wie gelebt hat.

Stellt man sich aber diese Fragen, behandelt mein keinen Mythos mehr, sondern macht ihn zum Narrativ und behandelt ihn mit Hilfe weiterer Narrativen (etwa unserem westlichen Geschichtsverständnis).

Das Problem wissenschaftlicher Narrative

Das Narrativ muss auf eine Weise kritisch hinterfragt werden, die der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Karl Popper als „Falsifikationsprinzip“ bezeichnet hat: Jeder Wissenschaftler müsse bemüht sein, seine eigenen Theorien zu widerlegen – gelinge ihm dies nicht, bestünden die Theorien als vorläufige plausible Antwort auf entsprechende Forschungsfragen, wären aber noch immer nicht als „wahr“ zu bezeichnen, sondern als „noch nicht widerlegt“.

Indem Mythen während der Moderne immer mehr als Narrative behandelt wurden, also als Erklärungen und Theorien, die widerlegbar sind, verlor man die Resonanzfähigkeit mit deren abstrakten Botschaften. Dabei handelte es sich lediglich um eine Verwechslung: Ein Mythos muss und kann nicht widerlegt werden, ebenso wenig wie er bewiesen werden kann.

Da Mythen nun (fälschlich) behandelt wurden wie Narrative oder Theorien, zeigte man sich zunehmend unzufrieden mit deren Erklärungswert. So zeigte sich immer mehr, dass die Mythen des Christentums die Frage nach Ursprung von All und Leben und Mensch einen rationalen Geist nicht mehr befriedigen konnten. Eine der einflussreichsten Reaktionen auf diesen intellektuellen Erklärungsnotstand war die Entwicklung der allgemeinen Evolutionstheorie durch Charles Darwin. Dass sich ihre Detail-Irrtümer so lange halten konnten, lag an ihrem primären Charakter als Gegenargument und nicht als Pro-Argument. Die Idee, vom Affen abzustammen (eine missverstandene Idee) oder auch nur mit dem Affen einen gemeinsamen Vorfahren zu haben, ist kein Narrativ, das schön und sinnvoll wäre. Es ist vielmehr Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit der christlichen Schöpfungsgeschichte, die bis dahin die Deutungshoheit hielt. Die Abstammungslehre sollte mit einem überholten (und mittlerweile als die Intelligenz beleidigend empfundenen) älteren Narrativ aufräumen. Das Evolutionsnarrativ wurde später (etwa durch Richard Dawkins oder Stephen J. Gould) glaubhafter, ja fast elegant, weil detaillierter ausformuliert – ihr Kampfesgeist aber gegen die alten Narrative zeigte sich dann desto eindrücklicher (etwa in Dawkins Buch „Der Gotteswahn“).

Hier allerdings zeigt sich eines der vielen Paradoxa der Postmoderne: Die Faktizität von Narrativen, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich, verlangt mehr als nur Glauben, verlangt vielmehr bedingungslose mentale Unterwerfung unter Theorien und Erklärungen, als wären sie konkrete Sinneseindrücke wie der Regen, der auf unser Gesicht fällt, wenn wir spazieren gehen.

Somit stehen in der Postmoderne alle wissenschaftlichen Narrative nebeneinander, die ihrerseits Produkte einer Dekonstruktion gewesen waren, widersprechen sich, verweben sich aber nicht, finden keinen Bezug zueinander. Karl Popper sprach von Theorien als vorläufige Erklärungsmodelle, die jederzeit widerlegt werden können. Das ist ein Narrativ und viele Wissenschaftler glauben sie. Sie glauben aber auch an die Faktizität von Modellen (von denen Popper sagte, sie können widerlegt werden) und bemerken den Widerspruch nicht. Sie bemerken auch nicht, dass die meisten ihrer Theorien und Erklärungsmodelle weniger positive Behauptungen als vielmehr Argumente für die Dekonstruktion älterer Argumente sind.

Mit dem Mythos ist es leichter. Er erhebt keinen Anspruch auf Faktizität, verweist aber auf eine implizit transportierte Bedeutung. Die Sinnhaftigkeit des Mythos hat sich aller Fakten entledigt, er ist gegenstandsfrei, verweist auf die Abstraktion von Sinnstiftung.

Er ist damit der Kunst nahe. Kunst lädt im besten Falle ein, den Pfaden ihrer Schönheit zu folgen, sich durch ihre Form an Orte führen zu lassen, die damit in Resonanz treten können. Oft sind es Orte, die frei von jeder Gegenständlichkeit sind, die erahnen lassen, dass Wahrheit jenseits des Konkreten und damit Flüchtigen, Vergänglichen, zu finden ist.

Das Falsifikationsprinzip gilt nicht für den Mythos. Im Gegenteil lebt seine Kraft gerade durch die unzweifelhafte Wahrheit, die wir ihm zusprechen. In diesem Sinne darf Theologie den Christusmythos nicht in Frage stellen, wenn sie Gottesdienst bleiben will. Andernfalls würde sie Wissenschaft werden und den Christusmythos zum Christusnarrativ erklären. Theologie darf nach Sinn und Bedeutung fragen, aber immer mit der Einstellung, dass die Fragen lediglich das eigene Unverständnis klären sollen.

Zeit und Zeitebenen

Einer der subtilsten und auch bekanntesten Mythenkomplexe Indiens rankt sich um die Göttin Kali.

Etymologisch scheint sich ihr Name von „Kala“, Zeit, herzuleiten. Doch der Zeitbegriff hat sich seit ihrer Namensgebung vor Tausenden von Jahren sehr verändert. Was wir heute alltagssprachlich unter „Zeit“ verstehen, ist die Erfahrung von synchronisierten subjektiven Veränderungs- und Anforderungsprozessen. Aus der Subjektivität von Zeit wird eine Intersubjektivität, deren Taktgeber von der frühen Neuzeit an die Uhr ist.

Seit der Moderne ist es üblich, den Satz „Ich habe keine Zeit“ als akzeptable Rechtfertigung für Ablehnungen jedweder Art zu benutzen. Doch nicht Zeit ist das Problem, sondern die Uhr. Die Uhr synchronisiert das Leben der Menschen, gibt einen allgemein gültigen Takt vor und hat in den westlichen Industrienationen Sonne, Mond, Klima und Jahreszeiten als solche Taktgeber abgelöst.

Aus einer Perspektive der Natürlichkeit ist es eine Absurdität, winters wie sommers in Mitteleuropa zur gleichen Uhrzeit aufzustehen und die gleiche Arbeit in einem gleichen Zeitraum zu verrichten. Betrachtet aus der Perspektive einer funktionierenden Gesellschaftsmaschine ist die temporale Gleichschaltung jedoch außerordentlich produktiv.

Gesellschaftlich synchronisierte Zeitabläufe bringen allerdings nicht nur den natürlichen, also biologisch determinierten Anteil eines Menschen, den Körper also, sondern auch die Psyche mit ihrem Bedürfnis nach Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens in große Schwierigkeiten.

Wie subjektiv „Zeit“ tatsächlich ist, zeigt sich unter anderem durch verschiedene Zeitebenen, die wir im Laufe unseres Lebens ausbilden und in denen wir unsere individuellen Sinnzusammenhänge zu finden versuchen.

Eine erste Zeitebene ist die des Alltagserlebens, der Tagesrhythmik und der Strukturierung unserer täglichen Tätigkeiten.

Die zweite Ebene betrifft unser „Leben als Ganzes“, die Reflektion unserer Lebenszeit, im Sinne Heideggers unser „Dasein“. Hier stellen sich Fragen nach Berufswahl, Familie, damit nach den Werten, die unseren Lebenszielen und damit Handlungen ihre Richtung vorgeben.

Die dritte Zeitebene ist die der historischen Zeit, der Epoche, des generationenübergreifenden Geschehens, in das wir als Einzelne und als Gesellschaft eingebettet sind und durch das wir bestimmt werden.

Tatsächlich gibt es noch eine vierte Ebene, die gleichsam über den genannten drei Ebenen schwebt, streng genommen also keine Ebene der Zeit, sondern vielmehr der Zeitlosigkeit oder Ewigkeit, und die man die „sakrale Ebene“ nennen könnte [1].

Die Charakterisierung der vier Zeitebenen macht sicher hinreichend deutlich, wie sehr sich dabei individuelle (egozentrische) und interindividuelle (soziozentrische) Ansprüche und Erfordernisse  unauflösbar verschränken: Die Interindividualität drängt sich machtvoll in die subjektiven Konstruktionen dieser Zeitebenen.

 

Zeitebenen als kausale Sinnkonstruktionen des Menschen

Diese drei Zeitebenen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern werden miteinander zu Bedeutungszusammenhängen verwoben.

Eines der wesentlichen Grundbedürfnisse des Menschen ist es, sein Leben als sinnhaft, verstehbar und kontrollierbar zu erfahren. Der Psychologe Aaron Antonovsky nennt das dabei eintretende Gefühl, als eigenverantwortlicher Gestalter seines Lebens dieses hinreichend im Griff zu haben folgerichtig „sense of coherence“.

Ein solches Kohärenzgefühl ist allerdings nur möglich, wenn die drei Zeitebenen auf kohärente und sich ergänzende Weise miteinander korrespondieren. Und genau diese harmonische Korrespondenz der Zeitebenen scheint in der Postmoderne zunehmend aus den Fugen zu geraten.

Ob wir einen durch starke Aktivität geprägten Alltag als stressiges Hetzen von einem Termin zum nächsten oder als als erfüllendes Tätigsein empfinden, hängt davon ab, wie dieser Alltagsvollzug (erste Zeitebene) seine subjektive Funktion durch einen übergordneten Lebenssinn (durch Werte, größere Zielstellungen und Lebensaufgaben, die zweite Zeitebene) erhält. Ob wir aber einen solchen überdauernden Lebenssinn überhaupt finden oder aufrechterhalten können, wird zu einem großen Teil von der Einordnung in die historische Epoche und seine Merkmale bestimmt (dritte Zeitebene). Wer aufgrund der starken Veränderungsprozesse der aktuellen Epoche der existenz- und sinnsichernden Funktion seines Berufes nicht mehr vertrauen kann, entzieht diesem dessen Bedeutung für das eigene Leben und damit sich selbst auch eine wichtige Identitätsmöglichkeit und damit die entsprechenden sinnstiftenden Tätigkeitsoptionen. Stress auf der neuroendokrinologischen Ebene und Burnout auf der (sozial-)psychologischen Ebene werden wahrscheinlich.

Kommen wir noch einmal zur eingangs erwähnten indischen Göttin Kali zurück. Der heutige Zeitbegriff kann mit ihrem Namen nicht gemeint sein, eine Stechuhr gab es damals noch nicht und damit auch nicht die flächendeckende Synchronisierung von Tätigkeiten. Vielmehr scheint ihr Name auf die vom Menschen oft genug als grausam empfundene Veränderung aller Dinge hinzuweisen, auf die unwägbaren Dynamiken aller lebendigen Prozesse, die zwangsläufig alles zum Verlöschen verurteilen, was Form hat.

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Kali ist ein Mythos, ist Teil eines religiösen und spirituellen Pantheons südasiatischer Kulturen. Seit Jahrtausenden wird ihr Mythos erzählt, in Dichtungen besungen, in Sutras und Tantras, die man am besten als spirituelle Protokolle und mystische Manuale liest, reflektiert und über ihn kontempliert. In regelmäßigen Festen, vor allem in Bengalen, wird Kali, unter anderem auch durch Tieropfer, verehrt. Die britische Kolonialmacht versuchte die aus ihrer Sicht blutrünstigen Riten zu verbieten. Den christlichen Kolonialherren entging der mythische Sinn dieser Rituale und Feste, ganz abgesehen davon, dass deren eigene Religion auf dem Symbol eines geopferten Gottessohnes beruhte. Das Ritual der Schlachtung (zum Beispiel einer Ziege) nimmt symbolisch vorweg, was Schicksal allen formhaften Lebens ist, auch des Menschen. Der Strom des Lebens will weiterfließen und so darf es keinen Stillstand geben. Ein übermäßiges Erhalten der Form würde wie ein Staudamm den Strom ins Stocken bringen, und Kali, so eine der mystischen Bedeutungen, als Wächterin des Lebensflusses wird diesen über kurz oder lang einreißen. Das Ritual „schenkt“ Kali diesen Aspekt ewiger Wandlung, es ist in gewisser Weise ein Tribut.

Anhand dieses Beispiels wird es uns möglich, Mythen im Allgemeinen der „sakralen Ebene“ unter den oben genannten Zeitebenen zuzuordnen. Der Mythos ist eine „Erzählung“ über Sachverhalte, die die drei konkreten Zeitebenen zwar berühren und leiten, aber in ihnen nicht seinen Ursprung haben. (Über einen möglichen Ursprung der sakralen Zeitebene kommen wir weiter unten zu sprechen.)

Damit stellt sich für den Mythos die Frage nach Wahrheit oder Irrtum nicht, denn Wahrheit und Irrtum sind Kategorien, die nur in den drei „irdischen“ oder zeitlichen Ebenen anwendbar sind.

Das „Erzählte“, das wir bezüglich der sakralen Zeit „Mythos“ nennen, entspricht dem, was wir für die drei anderen Zeitebenen als „Narrativ“ bezeichnen.

Narrative findet man innerhalb aller drei konkreten Zeitebenen. Sie strukturieren die Sinnstiftung des Einzelnen auf der biografischen Daseinsebene, aber auch die der Gesellschaft in den gängigen Welterklärungsmodellen auf der Epochenebene. Ein lebenseinschneidendes Erlebnis, etwa ein Unfall, eine besondere Reise, ein eindrückliches Drogenerlebnis oder dergleichen kann zum Kernelement eines persönlichen Lebensnarrativs werden. In Familien gibt es oft bestimmte Erzählungen, die – egal ob wahr oder nicht – von allen Mitgliedern der Familie geteilt werden und damit ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Und ein wissenschaftliches Paradigma kann zu einem kollektiv geteilten Narrativ bezüglich überpersönlicher Zusammenhänge, oder sogar zur etablierten Welterklärung innerhalb einer historischen Epoche werden.

Im Grunde ist ein Mythos immer wahr. Es sind lediglich unsere Interpretationen, die seinen vielschichtigen Inhalt reduzieren. Damit ist er dem Traum und der Kunst ähnlich. Jede Deutung eines Mythos, eines Traumes oder eines Kunstwerks wäre bereits eine weitere Ausdrucksform und wiederum in sich in ihrer Vielschichtigkeit wahr, wenn auch falsch oder irrig interpretierbar. Tatsächlich ist der irritierende Gedanke erlaubt, das durch Erzählung, Rezeption, Interpretation und Äußerung ein hermeneutischer Zirkel entsteht –Narrative in Narrativen – ein Kreislauf, dem wir als person-bewusste Wesen nicht entfliehen können.

 

Die Resonanzfähigkeit des Mythos

An die Faktizität eines Mythos muss man nicht glauben, niemand verlangt das. Der Mythos lässt den „Hörer“ fühlen, lässt ihn eine psychische Resonanz zu seiner Botschaft aufbauen. Der Hörer des Mythos lässt sich im besten Fall vom Mythos verwandeln.

In Kochel am See, am Fuße der Alpen, gibt es einen kleinen Schrein mit einer sehr kunstvoll geschnitzten Marienstatue. Sie trägt das Christuskind schützend im Arm, und dieses wiederum, wie einen Ball, die Weltkugel. Es ließe sich nun leicht vorstellen, dass auf dieser der Betrachter selbst ein winziges Staubkorn ist. Er ist, so das Bild, einerseits außerordentlich fragil ob seiner Winzigkeit, andererseits aber darin doppelt behütet: Christus hält und schützt die Erde und die darauf lebenden Menschen, und Christus wiederum wird geschützt und behütet von jener mütterlichen Madonna. Dieser Mythos wiederum ließe sich nun übersetzen in den psychologischen Begriff des sogenannten „Urvertrauens“ (basic trust, E. Erikson prägte diesen Begriff als grundlegende Entwicklungsaufgabe der ersten Lebensjahre eines Menschen). Das Bild des Mythos richtet sich direkt an dieses Gefühl des Urvertrauens, stärkt es, ruft es vielleicht in schwierigen Lebenssituationen wach, gibt uns damit Mut. Es umgeht damit das rationale Verstehen. Man versuche es: Würde rationales Verstehen des psychologischen Themas „Urvertrauen“ uns tatsächlich ermutigen und aufbauen? Diese Frage soll die rationale Vernunft keineswegs abwerten, sondern sie lediglich in ihre Schranken weisen: Die Ratio und die Vernunft aber liefern uns Erklärungen für dieses Phänomen – und das wäre ein Narrativ. In einer Therapie etwa hülfe die Erläuterung des Phänomens „Urvertrauen“ dem Klienten kaum weiter, wohl aber eine entsprechende körperliche und emotionale Erfahrung.

Diese Fähigkeit, die Einladung eines Mythos zur Resonanzerfahrung anzunehmen, ist zu großen Teilen der Rationalisierung, Individualisierung und Differenzierung der Moderne zum Opfer gefallen [2].

Der Postmoderne gilt der Mythos als historisches Gut, als musealer Wert. Von Narrativen hingegen behauptet man ihre Faktizität, als ob es Karl Popper und dessen Diktum des Falsifikationsprinzips nie gegeben hätte.

 

Interpretationsebenen von Mythen

Der Mythos ist zeitlos. Angesiedelt in einer sakralen Zeitebene ist sein Wirken in einem ewigen „Hier und Jetzt“. Der Mythos liegt nie in der Vergangenheit und nie in der Zukunft. Seine Gegenwärtigkeit ist im besten Sinne des Wortes selbstvergessen. Denn jedes Selbst, das sich seiner bewusst wird, erzeugt eine Idee vom Gewesenen und Künftigen.

Es gibt Theorien darüber, die Inhalte von Mythen auf die Phylogenese und/oder die Ontogenese des Individuums zu beziehen.

Beispielsweise bezöge sich eine phylogenetische Erklärung der meisten griechischen Sagen auf die historische Zeit, in der es üblich war, dass junge Männer mit einigen Kameraden aus der Mutter-Polis aufbrachen, um irgendwo in der Fremde eine neue Siedlung und neue Stammlinien zu gründen. In diese Kategorie gehörten Mythen wie die des Perseus, Theseus oder Jason. In der nordischen Mythologie würde sich die Ankunft der Indoeuropäer in Nord- und Mitteleuropa im Kampf der (alteingesessenen) Wanen gegen die Asen wiederspiegeln. Natürlich gewannen die Asen (die Indoeuropäer), und ihr Pantheon war es, das nun über die Welten herrschte.

Eine andere Strömung von Mythenforschern propagiert einen ontogenetischen Ansatz [3]. Schöpfungsmythen etwa würden das langsame Heraufdämmern des frühkindlichen Bewusstseins symbolhaft zeigen, seine anfangs grobe und später immer detailreichere Differenzierung der Phänomene, etwa von unten und oben, Himmel und Erde, von Pflanzen und Tieren und irgendwann der Schöpfung des Menschen, die eine mythische Erinnerung an das Erwachen des personalen Bewusstseins mit circa drei Jahren wäre.

Trickstermythen hingegen (meist indianisch, aber auch in der Odyssee gibt es deutliche Anzeichen eines tricksterhaften Bewusstseins) thematisierten das kindliche Bewusstsein bis zur Pubertät, Heldenmythen das Ringen junger Menschen um Loslösung vom Elternhaus und das Finden einer eigenen (erwachsenen) Identität [4].

Nach dieser Interpretation wäre der Ursprung der sakralen Zeitebene in den noch „zeitlosen“ Erfahrungen des Individuums zwischen Geburt und etwa drittem Lebensjahr zu suchen. Die in dieser Zeit erlebten emotionalen und körperlichen Erfahrungen verdichteten sich zu mythischen Bildern, die später, nach Erwachen des personalen Ichs und damit des intersubjektiven Zeitgefühls, in ihrer Gesamtheit die sakrale Zeitebene konstituierten.

Eine dritte Sicht auf Mythen hält diese für symbolhafte Darstellungen allgemeiner kosmischer und kollektiver Kräfte, gleichsam ein nahezu unerschöpfliches Archiv von Menschheitserfahrung und Welterkenntnis [5].

Es spricht Vieles dafür, dass alle drei Ansätze stimmen. Der Mythos ist über unsere Deutungsversuche erhaben, und würden wir uns für eine Deutungsrichtung entscheiden, wären wir wieder in die Falle getappt, den Mythos mit einem Narrativ zu verwechseln. Dem Mythos wohnt die seltene Eigenschaft inne, dass viele Bedeutungsebenen (die auf narrativer Ebene widersprüchlich erscheinen würden) harmonisch nebeneinander bestehen können.

Mythen besitzen eine Kraft, die uns in tieferen Schichten als jene der Ratio und der Vernunft zu erreichen vermag. Dabei stellt sich keineswegs die Bedingung, auf die intellektuelle Vernunft zu verzichten, wenn man sowohl Mythos als auch Vernunft in ihren jeweiligen Gültigkeitsbereichen belässt.

Wir ließen uns bereichern und würden von wirkmächtigeren Wellen als die täglichen Unbills getragen werden, wenn wir neben unserem berechtigten und sinnvollen Bedürfnis, rationale Erklärungsmodelle aufzustellen, unsere Psyche öffneten für die Bilder, die uns das hinduistische Pantheon, die altgriechische Sagenwelt, die taoistische Kosmogonie, wie sie poetisch und präzise gleichermaßen im Dau De Dsching oder im I Ging aufgezeichnet wurde, die christlichen Bilder und Szenen oder die nordische Mythologie bereitstellen.

An diesen Ariadnefäden der Formen entlangtastend können wir uns auch als Kinder der Postmoderne mit der Möglichkeit des Glaubens versöhnen – Glauben hier verstanden als das Vertrauen in die Möglichkeit der Existenz von etwas, das von uns noch nicht gewusst werden kann.

Anmerkungen und Literatur zur Vertiefung

[1] Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt/M., 2005, insbesondere S. 30 – 47.

[2] Thiele, M.: Das stolze Licht. Wie Zorngeborene die Welt erschaffen. Hamburg: Phänomen-Verlag, 2014.

[3] Bischof, N.: Das Kraftfeld der Mythen. München: Piper, 1996.

[4] Thiele, M.: Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis. Hamburg: Phänomen-Verlag, 2012.

[5] Diese Sicht wurde von C.G.Jung und in der Folge von Vertretern der Analytischen Psychologie vertreten.

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