Den schlagendsten Beweis für meine Tauglichkeit oder Untauglichkeit, mich den Zeitumständen anzupassen, sehe ich heute darin, daß nichts, worüber die Menschen schrieben oder sprachen, mich auch nur im geringsten interessierte. Nur das Objekt verfolgte mich, das abgetrennte, abgesonderte, nichtssagende Ding. Es konnte ein menschlicher Körperteil oder das Treppenhaus eines Varietés sein, ein Rauchfang oder ein Knopf, den ich im Rinnstein gefunden hatte. Was es auch war, es ermöglichte mir, mich zu öffnen, mich hinzugeben, mein Zeichen aufzuprägen. Dem mich umgebenden Leben, den menschen, aus denen die Welt, die ich kannte, bestand, konnte ich nicht mein Zeichen aufprägen. Ich stand so völlig außerhalb ihrer Welt wie ein Kannibale außerhalb der Grenzen der zivilisierten Gesellschaft. Ich war von einer perversen Liebe zum Ding-an-sich erfüllt, nicht aus philosophischer Neigung, sondern aus leidenschaftlichem Verlangen, so als wäre in dem weggeworfenen, wertlosen Ding, das jeder unbeachtet ließ, das Geheimnis meiner Wiedergeburt enthalten gewesen.

Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, –
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.

[hr]

Aus: Das Buch der Bilde, Rainer Maria Rilke

Wo ich gehe – du!
Wo ich stehe– du!
Nur du, wieder du , immer du!
Du, du, du!
Ergeht`s mir gut – du!
Wenn`s weh mir tut –du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Himmel – du,
Erde – du,
Oben – du,
unten – du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!

Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoß
den ich küsse
Ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut
deine Liebe zu mir
und deine Freiheit von mir
deinen Fuß
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht
ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine Zeit vorbei ist 

[hr]Erich Fried