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Im Wendekreis des Steinbocks

Den schlagendsten Beweis für meine Tauglichkeit oder Untauglichkeit, mich den Zeitumständen anzupassen, sehe ich heute darin, daß nichts, worüber die Menschen schrieben oder sprachen, mich auch nur im geringsten interessierte. Nur das Objekt verfolgte mich, das abgetrennte, abgesonderte, nichtssagende Ding. Es konnte ein menschlicher Körperteil oder das Treppenhaus eines Varietés sein, ein Rauchfang oder ein Knopf, den ich im Rinnstein gefunden hatte. Was es auch war, es ermöglichte mir, mich zu öffnen, mich hinzugeben, mein Zeichen aufzuprägen. Dem mich umgebenden Leben, den menschen, aus denen die Welt, die ich kannte, bestand, konnte ich nicht mein Zeichen aufprägen. Ich stand so völlig außerhalb ihrer Welt wie ein Kannibale außerhalb der Grenzen der zivilisierten Gesellschaft. Ich war von einer perversen Liebe zum Ding-an-sich erfüllt, nicht aus philosophischer Neigung, sondern aus leidenschaftlichem Verlangen, so als wäre in dem weggeworfenen, wertlosen Ding, das jeder unbeachtet ließ, das Geheimnis meiner Wiedergeburt enthalten gewesen.

Inmitten einer Welt, in der eine Überfülle an Neuem herrschte, hängte ich mich an alles Alte. In jedem Gegenstand war ein winziges Teilchen enthalten, das meine besondere Aufmerksamkeit verlangte. Ich hatte ein mikroskopisches Auge für jeden Makel, für das Körnchen Häßlichkeit, das für mich die eigentliche Schönheit des Gegenstandes ausmachte. Was immer den Gegenstand abgesondert, unbrauchbar oder auch veraltet gemacht hatte, machte ihn mir anziehend und teuer. Wenn das pervers war, so war es doch auch gesund, wenn man bedenkt, daß ich nicht dazu besitmmt war, dieser Welt anzugehören, die rings um mich aufschoß. Bald würde auch ich so werden, wie diese Dinge, die ich verehrte: ein Ding für sich, ein nichtbrauchbares Mitglied der Gesellschaft. Ich war endgültig veraltet, das stand fest. und doch war ich imstande, zu amüsieren, zu belehren, zu ernähren. Nie aber wurde ich wirklich für voll genommen. Wenn ich wollte, wenn es mich reizte, konnte ich mir aus jeder beliebigen Gesellschaftsschicht einen mann herausfischen und seine Aufmerksamkeit gewinnen. Ich konnte ihn in Bann halten, wenn mir daran lag, aber wie ein Magier oder ein Hexenmeister nur so lange, wie der Geist in mir war. Im Grund fühlte ich bei den anderen ein Mißtrauen, ein Unbehagen, einen Widerstand, der sich, da er instinktiv war, nicht überwinden ließ.


Auszug aus Im Wendekreis des Steinbocks, Henry Miller, Seite 51-52

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Published on: 25/05/2017

Filed Under: News, Poesie

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