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„Reinventing Europe“ 2016 in Ungarn

Bei der Konferenz Reinventing Europe haben sich im Jahr 2016 viele integral denkende Menschen getroffen mit einer Fülle von Workshops und Vorträgen. Das Thema war, wie man der aktuellen Krise Europas aus integraler Perspektive begegnen und diese auffangen und möglichst konstruktiv begleiten kann. Es gab über 150 Workshops aus über 35 Ländern, in erster Linie europäisch, aber auch paneuropäisch (USA, China usw.).

Das Thema ist im Moment hochaktuell, nicht nur wegen der Flüchtlingskrise werden in vielen Bevölkerungsteilen Ängste und regressive Muster aktiviert. Wie könnte eine integrale Perspektive hier wichtige Impulse bringen?

Ken Wilber auf der Reinventing Europe

Aus kognitiver Sicht hat sich Ken Wilber per Livestream dazu geäußert, dass nicht nur die intellektuelle Beschäftigung mit dem Spiral Dynamics Modell wichtig ist, sondern es jetzt mehr denn je in eine Praxis umgesetzt werden muss. Das bedeutet konkret, dass aktuell Menschen mit sehr unterschiedlichen Wertesystemen unterwegs sind und dass daraus Handlungsnotwendigkeiten erfolgen. In Krisenzeiten wird aus Verunsicherung heftiger aus der jeweiligen Bewusstseinsausrichtung heraus agiert, wie wir es beispielsweise bei PEGIDA und AFD Bewegungen sehen können. Die integrale Perspektive hilft hier dies nicht abzuwehren, sondern es zu verstehen und darauf fruchtbar einzugehen im Denken, Fühlen und Handeln, so äußert sich Prof. Barbara von Meibom im Radio Evolve, eine der Moderatoren der Reinventing Europe.

Innerhalb von Deutschland sehen wir beispielsweise bei der AFD sehr viel Purpur (starker Bezug zur Heimat) und sehr viel Rot als Werteorientierung (aggressive Abwehr). Eine integrale Antwort wäre, dies zu erkennen und nicht zu stigmatisieren. Man muss der Aggressivität eine Grenze setzen, aber auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Heimat auffangen, ansonsten gehen die Menschen verloren für den demokratischen Konsens, so Meibom weiter. Die anderen Wertehaltungen müssen also berücksichtigt werden um die europäische Situation zu meistern.

Auch Clare Graves und Don Beck waren auf der Konferenz und haben KeyNote Vorträge gehalten. Neben ihnen waren die herausragenden Schüler von Don Beck Said Dawlabani und Elza Maalouf präsent, welche gute Bücher zu dem Thema herausgearbeitet haben (Emerge!: The Rise of Functional Democracy and the Future of the Middle East, ein wertvolles Buch über die Krise im nahen Osten ;MEMEnomics: The Next-Generation Economic System, ein Buch über den ökonomischen Wandel aus Sicht der Spiral Dynamics). Don Beck hat nochmal hervorgehoben, dass die verschiedenen MEME natürliche Pole darstellen, die gegeneinander schwingen und erst aus der integralen Perspektive zu einer Synthese werden. Elza Maalouf, die auch als Beraterin für die arabische Welt arbeitet, entwickelt gerade eine RoadMap für die arabische Welt mithilfe der Spiral Dynamics. Sie betont, dass im nahen Osten zunächst erstmal das blaue Mem implementiert werden muss bevor man das orangene Leistungsdenken integrieren kann. Die regelbetonte blaue Herangehensweise ist für Menschen aus dem Abendland nicht „politically korrekt“, wäre aber in diesen Ländern laut Elza Maalouf die richtige Wahl für eine positive Entwicklung. Es geht für uns Europäer also auch um ein nicht verhaftetsein mit unserer post-materialistischen Einstellung und dem akzeptieren, dass Werte“stufen“ nicht einfach übersprungen werden können. Die westlichen Vorstellungen von Demokratie wären also die falsche Wahl zur Stabilisierung dieser Länder. Ebenso muss man bei den Flüchtlingen differenzieren und kann nicht ausschließlich mit dem verständnisvollen, integrativen grünen Mem reagieren, beispielsweise wenn wir auf Menschen stoßen die aus dem Überlebenskampf (beige) kommen oder egozentrisch orientiert (rot) sind.

Europäischer kollektiver Schatten

Ein weiterer großer Bereich der Konferenz war der kollektiv unbewusste Schattenbereich, in welchem vor allem Annette Kaiser herausstach. Denn insbesondere im Kampf mit unseren Dämonen fällt das aufmerksame Hinschauen umso schwerer. Wenn wir die aktuellen europäischen Probleme bewältigen möchten müssen wir durch unseren Schatten hindurch. Dazu gab es eine exzellente Gruppenaufstellungsarbeit, welche der europäischen Dynamik auf der Seins- und Gefühlsebene Ausdruck verlieh. Speziell aus deutscher Sicht ist das kollektive Trauma am aufbrechen, nicht nur in den Reaktionen auf die Flüchltinge (positiv wie negativ), sondern auch in der Diskussion um die Kriegsenkel, welches in das Mainstreambewusstsein sickert und die tiefentraumatischen Belastungen an die Oberfläche bringt. Beispielsweise über 2 Mio. vergewaltigte Frauen, Vertriebene und vieles mehr, was zu fehlender Beziehungswärme und Schweigen führte. Dazu hier ein guter Beitrag über die posttraumatischen Belastungen der Kriegsenkel.

Verschieden Reaktionen auf den europäischen Schatten

Aus der Bewältigung der Krise können wir lernen auch anderen Bedürftigen helfend beiseite zu stehen. Eine andere Ausprägung wäre, aus einem Schuld- und Schamkomplex heraus zu agieren und „Alles wieder gut machen zu wollen“, was problematisch ist, weil man sich hier zunächst ein Stückweit selbst verliert. Diese Haltung führt zu einer Überdehnung und Überforderung im Innenraum, so Meibom weiter, und im Anschluss kommt es zu einem Rückschlag, der sich negativ auswirkt. Eine weitere Möglichkeit ist, alle Gefühle abzuspalten und aus dieser Abspaltung heraus das Problem zu leugnen. Es gibt noch viele weitere Reaktionsmuster – durch die jetzige Krise bricht in jedem Fall sehr viel auf und anhand der Aufstellung wurde auch deutlich, dass dies die große Chance zur Heilung bietet.

Die Aufstellung zur Seele Europas

Insgesamt waren anfangs 50 Personen an der Aufstellung direkt beteiligt. Später wurde das Areal erweitert auf die gesamte Fläche, d.h. auf ca. 200 Personen. Geleitet wurde die Aufstellung von Bence Ganti, Péter Kemény und Barbara von Meibom selbst. Die unterschiedlichen Länder wurden auf ca. 25 Personen verteilt (auch Afrika, Naher Osten, Deutschland, Frankreich usw.). Dann wurden gewisse Energien auf Personen verteilt (europäische Seele, europäischer Boden, das Männliche, das Weibliche, Krieg, Terorrismus, Migranten, Kolonialismus usw.).  Nur in der Mitte des Raumes wurde der Repräsentant festgelegt – hier war auf deinem Thron die Seele Europas platziert. Der Rest der Teilnehmer konnte sich frei bewegen. Das ganze fand in einem physischen Raum statt und geschah durch spontane Impulse nonverbal.

Zunächst war große Freude zu spüren, als die Länder den Raum betraten. Als jedoch die verschiedenen Energien hinzukamen wurde es sehr schwer und die Seele von Europa hat ihren Platz in der Mitte verlassen und hat sich in der Peripherie bewegt. Es wirkte so, als wenn sie versucht die unterschiedlichen Energien miteinzubinden. An ihren Platz trat eine junge Frau und nahm mit einer großen Kraft und Würde ihren Platz ein. Es wirkte wie eine dunkle Kraft die man ehrte und ließ sich nicht vertreiben. Später entpuppte sich diese Frau als Repräsentantin der „Scham“. Das war tiefenpsychologisch sehr interessant. Dann trat die Seele von Europa auf die Scham zu und neigte den Thron langsam zur Seite, sodass die „Scham“ den Boden berührte und langsam ankam in ihrer Not. Wenn wir allein auf Deutschland blicken, so ist die Schuld und Scham Reaktion sehr präsent. Thomas Hübl sagte dazu: Wenn wir die Scham abspalten, reagieren wir lediglich. Die Scham zu betrachten, ihr zu antworten ist ein zentraler Aspekt um zur „Verantwortung“ zu gelangen. Interessanter Sidefact: Der Repräsentant des Terroristen hat beispielsweise nur mit Frankreich und Belgien Kontakt gehabt. Tschechien und Slowakei haben über eineinhalb Stunden gebraucht zur Annäherung.

Weitere Themen der Reinventing Europe 2016

Es gab natürlich auch viele weitere Beiträge, wie beispielsweise einem wunderbaren Ansatz von Jos de Blok zur Versorgung und Pflege von Älteren (nach welchem aktuell ca. 70.000 Menschen betreut werden, die Kosten dramatisch sinken und die Zufriedenheit dramatisch steigt) oder auch ein neuer Führungsstil, in der die kollektive Weisheit der Organisation selbsttragend wirksam wird. Außerdem wurden Beziehung, Refugees und viele weitere Themen besprochen.

Eine tolle grafische Zusammenfassung der Reinventing Europe findet man auf der offiziellen Homepage:

Als Inspiration dieses Beitrags diente das hörenswerte Interview von Tom Steininger und Prof. Barbara von Meibom.

 

One Response to „Reinventing Europe“ 2016 in Ungarn

  1. wolfram kölling sagt:

    Jede Bewusstseinsentwicklung hat in jeder Stufe ihren Schatten. Die Erschütterungen des Selbst und der Seele und damit die Beschämungen führen zu den Blockaden der Stufen und dem entsprechenden Schatten. Die Wahrnehmung der Scham, der Masken der Scham und damit auch die scheinbare Schamlosigkeit sollte auf jeder Stufe möglich werden damit evolutionäre Entwicklungen gefördert werden können. Mehr zur Scham im Vortrag bei Youtube und im Vortrag: Die Spirale der Genesung bei http://www.foerder-kreis.de.

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