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Die Welt ist das Kloster

Nirvana ist ein buddhistischer Begriff. Es bedeutet die Erfahrung der Erleuchtung, das Ende des Leidens, die Erfüllung aller spirituellen Suche. Die Erreichung dieses Zustandes ist die Quelle für das größte Glück und die unbeschreiblichste Freude.

von Andrew Cohen

Im Jahr 1986 als Folge der tiefen Gnade und des Segens meines Gurus, trat ich ein in die erstaunlichste, befreiende und ekstatische Tiefe des Bewusstseins – in Glückseligkeit und überwältigender Liebe. In diesem Zustand und als dieser Zustand wusste ich, dass ich immer frei gewesen bin. Frei von Leiden, Trauer und Schmerz. In diesem Zustand war ich Eins mit dem ganzen Kosmos, eins mit buchstäblich Allem; mein Selbstgefühl war frei von Zeit und Geschichte, und aus diesem Grund erschien alles ständig frisch und neu.

In diesem Zustand der Gnade ist man neu geboren. Jedes einzelne Erwachen und Wiedererwachen zu diesem gütigen Zustand der Gnade ist eine Wiedergeburt in unsere eigene unkorrumpierte Unschuld und Reinheit. Bevor ich meinen Guru traf glaubte ich es ist möglich diesen Zustand zu erreichen. Nachdem ich ihn traf wusste ich es war möglich.

Im Nirvana verlangsamt sich die Zeit und die lebendige Gegenwart der Ewigkeit schwingt kraftvoll wie das Zentrum unseres Bewusstseins. Ein Leben, welches sich ernsthaft nach spirituellen Prinzipien richtet ist eines, in welchem wir die idealsten Voraussetzungen für erleuchtete Achtsamkeit priorisieren, sodass sich diese in das Bewusstsein senkt.

Die grundsätzliche Erkenntnis ist, dass die endgültige Wahrheit ist, dass es nur EINS gibt. Ein Kosmos, ein Lebensprozess, ein Bewusstsein, eine Realität.

Seit Jahrtausenden haben Männer und Frauen die vollen und lauten Ablenkungen der Märkte verlassen um diese innere Revolution im Bewusstsein zu verwirklichen. Sie zogen die unberührte, ruhige und fokussierte Konzentration der Berghöhle, des Hügels, des Klosters oder die bedeutungsschwere Stille der Wüste vor.

Aber für die meisten von uns ist der Großteil der Aufmerksamkeit auf Überleben, Arbeit und Familie konzentriert. Unsere Freizeitaktivitäten und soziales Engagement machen es sehr schwer Zugang zu der befreienden Tiefe und Freiheit zu finden, die immer im Mittelpunkt unseres Seins bleibt. Tatsächlich ist die Ekstase der Ewigkeit des Bewusstseins für gewöhnlich in unserem alltäglichen Bewusstsein durch die nach außen orientierten Lebensgewohnheiten verdeckt.

Paradoxerweise, inmitten dieser sehr schwierigen Zeiten, bietet der universelle Zugang zum Internet eine verwirrende Anzahl von allem rund um das Thema Spiritualität; von Erleuchtung in wenigen einfachen Online Lektionen bishin zu endlosen Variationen von Psychotherapie und Achtsamkeitsausbildung; angefangen von buddhistischer Philosophie über Meditation bis zu jeder erdenklichen Form des Yoga. Die meisten dieser Angebote sind dazu da uns zu helfen unser inneres und äußeres Leben zu verbessern ohne uns allzu viele Unannehmlichkeiten zu bereiten – und in vielerlei Hinsicht ist es wirklich erstaunlich, was verfügbar ist und wie leicht es zu erreichen ist.

Der ungeborene Buddha Geist

Des historischen Buddha’s ursprüngliche Idee war, dass durch spezielle Praxis und tiefe Hingabe jemand Nirwana als fast permanenten Zustand der Befreiung erreichen könnte – man könnte permanent mit dem zeitlosen Zustand der Gnade, den er „den ungeborenen Buddha-Gheist“ nannte, erwachen. Um diesen tiefen Übergang zu erleichtern forderte er seine Anhänger auf ihre weltlichen Pflichten zu verlassen und ihm als Mönche und Nonnen in einem hingebungsvollen und fokussierten Leben der Abgeschiedenheit und Meditation im Wald zu folgen.

Nirwana ist nicht nur ein höherer und tieferer Bewusstseinszustand; es ist auch eine bewusste Beziehung zum Leben. Samsara ist nicht nur ein Leben in Unkenntnis der tieferen Bewusstseinszustände; es ist ein Leben ohne tiefe Innerlichkeit und mit der existentiellen Herausforderung der ewigen Fragen von Sinn, Zweck und Wert zu ringen. Aufrichtiges Streben nach Nirvana beginnt in der Regel mit einer gefühlten Verzweiflung um die Antworten auf die Fragen „Wer bin ich?“ und „Warum bin ich hier?“ zu finden, ganz so als ob das Leben davon abhinge.

Nirvana bedeutet erwacht sein gegenüber der ewigen Natur unseres wahren Selbst und dem unendlichen Kontext in dem sich alles um uns herum entfaltet. Samsara ist blind für die Tiefendimension des Bewusstseins, und lebt in Unkenntnis über die wahrhaft wundersame mehrdimensionalen Komplexität, die unser inneres und äußeres Universums bildet.

Mein Guru sagte eines Tages zu mir „ wie Nirvana keinen Anfang und kein Ende hat, so hat Samsara keinen Anfang und kein Ende“. Damit meinte er, dass sie buchstäblich zwei Welten sind, alternative Dimensionen, die sich nie treffen. Deshalb wurde Aufwachen schon immer als so eine große Sache angesehen. Es springt wahrhaftig von einer Erfahrung und Perspektive der Realität vollständig zu einer anderen.

In der Regel sind jene, die inspiriert sind den spirituellen Weg einzuschlagen bemüht das Leben zu verbessern, welches wir schon leben. Wir lernen zu meditieren um einen Geist zu beruhigen, der uns täglich quält. Wir absolvieren eine Psychotherapie, um uns selbst besser zu verstehen und unser Leid zu verringern. Wir machen Yoga und Bewegung um unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden zu verbessern. Wir beteiligen uns an Männer- und Frauengruppen um unsere soziale Kompetenz zu entwickeln und unsere Fähigkeit zur Brüderlichkeit, Schwesternschaft, Empathie und Mitgefühl zu vertiefen.  Dann, nach diesen edlen Entwicklungspraktiken, neigen wir dazu zu unserem Leben und unsere persönliche Agenden zurück zu gehen, wenngleich sich auch vieles verbessert hat.

Als ich den Weg ging ich wollte nie wieder umkehren. Meine Absicht war von Anfang den Sprung von Samsara zu Nirvana zu machen und nie wieder zurückzukehren. Das war meine Hoffnung, mein Traum. Es war ein Traum, der wahr wurde.

Als Sucher war ich eindeutig. Als ich schließlich ein spiritueller Lehrer wurde blieb ich ebenso eindeutig. Meine Botschaft und Fokus war nie sich selbst zu verbessern, es war immer „den ganzen Weg zu gehen“ – was auch immer das bedeuten würde.

Es stellte sich heraus, dass dies das Aufeinandertreffen von Hunderten von Menschen aus der ganzen Welt bedeutete, die in einer großen utopischen Vision von evolutionären Idealen inspiriert waren und es funktionierte und emergierte über ein Vierteljahrhundert. Das treibende Moment war „den ganzen Weg zu gehen“ und das seltenen Maß an Engagement, welches von so vielen mitgebracht wurde erzeugte eine sehr starke Atmosphäre der Hingabe und Aufrichtigkeit. Solch seltenes Maß an Engagement hatte eine tiefe Wirkung auf den gemeinsamen intersubjektiven Weltenraum, den dieses utopische Experiment entstehen ließ.

 

Evolution des Bewusstseins als gelebte Ausrichtung

Wegen dieses eindeutigen Fokus‘ auf Erleuchtung im Hier und Jetzt und der Evolution des Bewusstseins in erster Linie als einen gemeinsamen Wert, lebten wir tatsächlich in einer ganz anderen Welt. Wir sahen durch eine völlig andere Linse. Wir haben uns nicht in intensiver Praxis geübt nur um uns auf individueller Ebene zu verbessern. Wir haben es getan um die verfeinerten Bedingungen zu schaffen um einen völlig neuen Weltenraum innerhalb und zwischen uns entstehen zu lassen – und das ist in der Tat geschehen.

Der Grund dafür war, dass so viele die Evolution des Bewusstseins zu ihrem primären gemeinsamen Wertesystem machten. Das allein war, was die Konturen des neuen Weltenraums definierte, den wir entstehen ließen. Wenn wir in ein Kloster eintreten, treten wir in eine andere Welt, in der metaphysische Bestrebungen vor materielle gestellt werden.

Diese Verschiebung der Grundwerte ändert in der Tat enorm viel. Bis vor kurzem war die Dichotomie zwischen der geistigen Welt innerhalb und der materiellen Welt „da draußen“ vorherrschend in vielen unserer Gedanken. Langsam aber sicher tritt eine ganz andere Perspektive in den Vordergrund unserer progressiven Kultur. Das ist der östliche metaphysische Begriff der „Einheit“ oder „Nondualität“.

Dies bedeutet einfach, dass die gesamte Wirklichkeit, der innere und äußere Teil, ein ungeteilter Vorgang ist. Es ist eine Perspektive die von tiefer spiritueller Einsicht zeugt und sie wird mit viel Tiefe und Detailtreue in alten und modernen östlichen metaphysischen Texten beschrieben.

Die grundsätzliche Erkenntnis ist, dass die endgültige Wahrheit ist, dass es nur EINS gibt. Ein Kosmos, ein Lebensprozess, ein Bewusstsein, eine Realität. Von dieser nondualen oder absoluten Perspektive offenbart sich jede Erscheinung von Einzigartigkeit, Differenz, Getrenntsein oder Besonderheit als illusorisch.

An den hervorstehenden Kanten der progressiven Kultur heute, welche wir die „Integrale“ Stufe des Bewusstseins nennen, wird diese tiefe nonduale Perspektive von vielen hoch entwickelten geistig bewussten Menschen geteilt. Von diesem sehr hohen Aussichtspunkt besteht Verständnis, dass die Welt „da draußen“ und die Welt „hier drinnen“ alle Teile eines ungebrochenen evolutionären Kontinuums sind . Aus dieser tiefen und geistig erwachten Perspektive gibt es wahrlich keinen Ort zu dem wir gehen müssen, als dorthin wo wir bereits sind.

Tatsächlich offenbart die tiefste Erkenntnis der Einheit uns, dass es keinen Ort gibt, der heiliger oder geweihter ist, oder Gott näher als jeder andere. Ob es das allerheiligste eines tibetischen Klosters oder im Erdgeschoss des New Yorker Börse ist, es gibt in der Tat nur eine Wirklichkeit. Wenn wir die Augen haben es zu sehen und die Einsicht es zu erkennen, ist der absolute Geist buchstäblich überall.

Integrale Spiritualität

In einer integral informierten evolutionären Spiritualität streben wir nicht nur diese Erkenntnis für uns allein zu erwecken, sondern genauso für die Welt um uns herum, die als direktes Ergebnis unserer eigenen Anstrengungen erleuchtet werden kann. Die nondual direkte Verwandtschaft zwischen Innen und Außen, Selbst und Welt, ist immer im Vordergrund. Aus der Sicht des aufgeklärten Bewusstseins ist die Welt das Kloster und das Kloster ist die Welt. Es gibt keinen Ort, an den wir gehen müssen, als dort wo wir jetzt schon sind. Es gibt keinen Ort an dem Gott näher ist, wo der unendliche Geist näher ist, als dort wo wir in dieser Minute sind.

Vor mehr als vier Jahren ging unser utopisches Experiment zu Ende. Aus all diesen Gründen heraus habe ich mich zurückgenommen, in diesen Tagen spüren viele aufrichtige und anspruchsvolle Menschen, dass das Ashram-Modell nicht mehr für die Zeit relevant ist, in der wir leben. Von einem bestimmten Blickwinkel heraus ergibt das vollkommen Sinn – die Welt jetzt braucht uns jetzt mehr als je zuvor um direkt in ihr zu wirken. Und wenn es metaphysisch keinen ultimativen Unterschied zwischen der Welt und das Kloster gibt, warum dann irgendwo ausziehen um nachhaltige Tiefe und Nirvana zu finden?

Ich stimme dem zu. Aber ich bin auch ganz sicher, dass es einen grossen Unterschied macht in der Bewusstseinstiefe, die wir erfahren können, wenn der Ruf des GEISTES in unserem Leben erste Priorität einnimmt und nicht nur sekundär ist, auch wenn aus einer sehr hohen, non-dualen Perspektive tatsächlich kein Unterschied besteht zwischen Diesseits und Jenseits.

Wenn also wie wir gesehen haben die Welt das Kloster ist, was ist dann das neue Modell um „den ganzen Weg zu gehen“ ?

Dieser Beitrag wurde übersetzt aus dem englischen. Das Original ist auf andrewcohen.com erschienen.

Beitragsbilder Quelle: Anai Greog via tumblr

 

 

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